02 · FUNKTIONIEREN.

Wie lange können wir noch?

Und warum „Ich kann noch“ nicht immer bedeutet, dass alles in Ordnung ist.

Abstrakte transparente Glasskulptur

Und warum „Ich kann noch“ nicht immer bedeutet, dass alles in Ordnung ist.

Wir lernen ziemlich früh zu erkennen, wann etwas erledigt ist.

Die Aufgabe.
Der Arbeitstag.
Der Einkauf.
Die Wäsche.
Die To-do-Liste – zumindest theoretisch.

Was wir vielleicht weniger gut lernen, ist zu erkennen, wann es genug ist.

Denn wir Menschen können erstaunlich viel.

Wir können arbeiten, organisieren, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und für andere da sein – auch an Tagen, an denen unsere eigenen Ressourcen längst ziemlich dünn geworden sind.

Und manchmal glauben wir genau deshalb selbst, dass es uns gut geht.

Schließlich funktionieren wir ja noch.

Aber vielleicht ist das Erstaunliche an Erschöpfung gar nicht, dass wir irgendwann nicht mehr können.

Sondern wie lange wir vorher noch können.

Funktionieren ist nicht das Problem

Funktionieren ist zunächst eine ziemlich beeindruckende menschliche Fähigkeit.

Wir können uns an Anforderungen anpassen, schwierige Phasen überstehen und Dinge tun, obwohl wir müde, gestresst oder gerade nicht besonders motiviert sind.

Zum Glück.

Problematisch wird es deshalb nicht automatisch, wenn wir viel leisten.

Spannender ist die Frage:

KÖNNEN WIR AUCH WIEDER AUFHÖREN?

Aus Verantwortungsgefühl kann das Gefühl werden, immer verantwortlich sein zu müssen.

Aus Selbstständigkeit: „Ich bekomme das schon alleine hin.“
Aus Zuverlässigkeit: „Ich darf niemanden enttäuschen.“
Aus Ehrgeiz: „Ich darf nicht nachlassen.“

Und aus vielen vollen Tagen wird irgendwann ein Zustand, der sich so normal anfühlt, dass wir kaum noch hinterfragen, wie viel Kraft er eigentlich kostet.

„Ich kann noch“ ist keine besonders gute Maßeinheit

„Es geht doch noch.“

Ich stehe morgens auf.
Ich erledige meine Arbeit.
Ich kümmere mich.
Ich bekomme meinen Alltag hin.

Also kann es so schlimm nicht sein.

Nur misst diese Rechnung etwas anderes.

Sie misst, was wir noch schaffen.

Nicht unbedingt, was es uns kostet.

Stress- und Erholungsforschung zeigt, wie wichtig das Wechselspiel zwischen Belastung und ausreichender Erholung ist. Anhaltende Belastung bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch plötzlich nicht mehr funktioniert.

Wir können nach außen ziemlich lange leistungsfähig wirken und uns gleichzeitig zunehmend erschöpft fühlen.

Vielleicht brauchen wir deshalb neben Was habe ich heute geschafft? noch eine zweite Frage:

WIE VIEL KRAFT HAT MICH MEIN TAG EIGENTLICH GEKOSTET?

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Feierabend ist nicht automatisch Erholung

Der Laptop ist zu. Der Termin vorbei. Endlich Sofa.

Und der Kopf?

Plant morgen. Löst Probleme. Geht Gespräche noch einmal durch. Denkt an das, was vergessen wurde.

Der äußere Stressor kann vorbei sein, während die innere Beschäftigung damit weiterläuft.

Forschung zu psychologischem Abschalten zeigt Zusammenhänge mit Erholung, Wohlbefinden, Schlaf und geringerer Erschöpfung. Auch anhaltendes Sorgen und Grübeln können Belastung gedanklich verlängern.

Das bedeutet nicht, dass wir einfach besser abschalten müssen.

Aber es zeigt:

FREIE ZEIT UND ERHOLUNG SIND NICHT IMMER DASSELBE.

Wenn Leistung mehr bedeutet als Leistung

Es ist nichts falsch daran, ehrgeizig zu sein.

Verantwortung zu mögen. Ziele zu haben. Viel schaffen zu wollen.

Interessant wird es dort, wo Leistung nicht mehr nur etwas ist, das wir tun, sondern immer stärker bestimmt, was wir über uns selbst denken.

Bin ich noch zufrieden mit mir, wenn ich heute wenig geschafft habe?

Kann ich mich ausruhen, obwohl noch etwas zu tun wäre?

Kann ich Hilfe brauchen, ohne mich deshalb schwach zu fühlen?

Forschung zu leistungsabhängigem Selbstwert zeigt Zusammenhänge mit Belastungs- und Burnoutprozessen.

Das bedeutet nicht: Leistung ist das Problem.

Vielleicht dürfen wir nur gelegentlich fragen:

LEISTE ICH, WEIL ICH MÖCHTE – ODER BRAUCHE ICH DIE LEISTUNG ZUNEHMEND, UM MICH MIT MIR SELBST GUT ZU FÜHLEN?

Manchmal ist zu viel einfach zu viel

Und hier liegt eine wichtige Grenze.

Nicht jede Erschöpfung ist ein Glaubenssatz.

Nicht jede Überforderung verschwindet durch bessere Grenzen.

Und nicht jeder Mensch braucht eine optimierte Morgenroutine, mehr Achtsamkeit oder noch eine Fähigkeit, an der er arbeiten sollte.

Manchmal ist Arbeit tatsächlich zu viel.

Verantwortung kann zu viel sein.

Care-Arbeit kostet Kraft.

Finanzielle Sorgen verschwinden nicht durch Meditation.

Arbeitsbedingungen, Arbeitsmenge, Unterstützung und vorhandene Möglichkeiten zur Erholung spielen ebenfalls eine Rolle.

Denn sonst machen wir aus Erschöpfung schnell die nächste Aufgabe:

JETZT MUSS ICH AUCH NOCH BESSER DARIN WERDEN, MICH ZU ERHOLEN.

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Manchmal braucht es Veränderung in uns.

Manchmal Veränderung um uns herum.

Und manchmal beides.

Erholung muss nicht verdient werden

Vielleicht kennen viele von uns diese Rechnung:

Erst alles erledigen. Dann Pause.

Erst funktionieren. Dann darf ich müde sein.

Nur wird das Leben selten vollständig fertig.

Irgendwo wartet fast immer noch etwas.

Wenn Erholung erst beginnen darf, wenn alles erledigt ist, kann es ziemlich lange dauern.

ERHOLUNG IST KEINE BELOHNUNG DAFÜR, DASS WIR GENUG GELEISTET HABEN.

Sie gehört zu dem, was wir brauchen, um langfristig denken, fühlen, entscheiden, leisten und leben zu können.

OHNE RÜSTUNG.

Vielleicht müssen wir unser Funktionieren also gar nicht bekämpfen.

Vielleicht dürfen wir sogar würdigen, was es uns ermöglicht hat.

Die schwierigen Zeiten, durch die wir gekommen sind.
Die Verantwortung, die wir getragen haben.
Die Dinge, die wir geschafft haben.

Auch Funktionieren kann eine Rüstung sein, die einmal einen ziemlich guten Job gemacht hat.

Nur muss sie nicht unser Dauerzustand werden.

Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht mit:

Ich muss weniger leisten.

Sondern mit:

WIE GEHT ES MIR EIGENTLICH, WÄHREND ICH ALL DAS SCHAFFE?

Wir bewundern Menschen oft dafür, wie viel sie tragen können.

Vielleicht sollten wir uns manchmal auch fragen:

WIE VIEL KOSTET ES SIE EIGENTLICH?

Denn „Ich kann noch“ bedeutet nicht immer:

Mir geht es gut.

Manchmal bedeutet es einfach:

ICH KANN NOCH.

Und das muss nicht der Moment sein, in dem wir noch mehr von uns verlangen.

Vielleicht ist es der Moment, in dem wir anfangen, uns zuzuhören.

OHNE RÜSTUNG.D

ZWISCHENREIZ.

Über Menschen. Muster. Und das Dazwischen.

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