04 · VULNERABILITÄT.

Ups. Warum habe ich das gesagt?

Was nach dem Mut kommt – und warum wir manchmal am liebsten sofort wieder zurück in unsere Rüstung möchten.

Abstrakte transparente Glasskulptur

Du hast es gemacht.

Du hast gesagt, was du wirklich denkst. Vielleicht sogar, was du fühlst.

Du hast jemanden um Hilfe gebeten. Einen Fehler zugegeben. Eine Grenze gesetzt. Eine Unsicherheit gezeigt. Den ersten Schritt gemacht. Oder etwas ausgesprochen, das du normalerweise lieber noch ungefähr drei Wochen mit dir selbst besprochen hättest.

Und dann?

Erst einmal: Erleichterung.

Puh. Raus damit.

Vielleicht sogar ein kleines bisschen Stolz.

Weil du mutig warst. Weil du nicht ausgewichen bist. Weil du für einen Moment beschlossen hast, dich nicht hinter deiner üblichen Rüstung zu verstecken.

Und dann vergeht etwas Zeit.

Eine Stunde. Vielleicht ein Tag.

Gestern dachtest du noch: Gut, dass ich das endlich gesagt habe.

Heute:

Warum zur Hölle habe ich das gesagt?

War das zu viel? War ich zu offen? Was denkt der andere jetzt?

Und während dein Gehirn das Gespräch zum vierzehnten Mal rekonstruiert, erscheint Auswandern plötzlich wie eine überraschend vernünftige Option.

Willkommen beim Vulnerability Hangover

Der Begriff klingt ein bisschen nach zu viel Prosecco und zu wenig Wasser.

Gemeint ist aber etwas anderes: dieses unangenehme Gefühl nach einem Moment großer Offenheit. Wir haben etwas von uns gezeigt – und plötzlich fühlen wir uns ziemlich ungeschützt.

Wichtig dabei: „Vulnerability Hangover“ ist keine psychologische Diagnose und kein etablierter klinischer Fachbegriff. Es ist ein populärer Ausdruck für eine Erfahrung, die viele Menschen kennen.

Die psychologische Forschung kennt allerdings einen ziemlich spannenden Effekt, der erstaunlich gut dazu passt.

Und der wurde ausgerechnet in Deutschland untersucht.

Andere sehen unser Chaos offenbar schöner als wir selbst

Die Psycholog:innen Anna Bruk, Sabine Scholl und Herbert Bless von der Universität Mannheim untersuchten in sieben Studien, wie Menschen Situationen bewerten, in denen Verletzlichkeit sichtbar wird.

Zum Beispiel Gefühle offenbaren. Um Hilfe bitten. Einen Fehler eingestehen.

Dabei zeigte sich ein bemerkenswerter Unterschied:

Wenn wir selbst die verletzliche Person sind, bewerten wir die Situation tendenziell kritischer. Beobachten wir dagegen einen anderen Menschen in einer vergleichbaren Situation, sehen wir dessen Verletzlichkeit positiver.

Die Forschenden nannten das den Beautiful Mess Effect – sinngemäß das „schöne Durcheinander“.

Das ist eigentlich ein bisschen gemein.

Bei anderen denken wir:

Wie mutig.
Wie ehrlich.
Wie menschlich.

Bei uns selbst:

Katastrophe. Sofort zurück in den Bunker.

Frech von unserem Gehirn.

→ Zur Originalstudie: The Beautiful Mess Effect
Bruk, Scholl & Bless – Originalstudie

Warum fühlt sich Mut hinterher manchmal gar nicht mutig an?

Eine Erklärung der Forschenden liegt in unserer Perspektive.

Wenn wir selbst mitten in einer verletzlichen Situation stecken, ist sie uns sehr nah. Mögliche unangenehme Folgen werden konkret:

Ablehnung. Peinlichkeit. Missverständnisse.

Bei einem anderen Menschen haben wir mehr Abstand. Dadurch können positive Seiten der gleichen Situation – etwa Mut oder Authentizität – stärker in den Vordergrund rücken.

Und genau hier wird es interessant.

Denn nach einem mutigen Moment werfen wir manchmal zwei Sätze in denselben Topf:

„Das fühlt sich gerade unsicher an.“

und

„Das war falsch.“

Das ist nicht dasselbe.

Unsicherheit kann schlicht bedeuten, dass wir etwas getan haben, dessen Ausgang wir nicht vollständig kontrollieren können.

Und ja.

Das ist wahnsinnig unbequem.

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Rüstung runter heißt nicht: Schutz abschaffen

Hier möchte ich eine kleine Lanze für unsere Rüstung brechen.

Verletzlichkeit ist nicht automatisch gut.

Wir müssen nicht jedem Menschen alles erzählen. Nicht jede Grenze öffnen. Und auch nicht unter dem Etikett „Authentizität“ sämtliche Gedanken ungefiltert auf den Tisch legen.

Rüstung abzulegen bedeutet nicht, jedem einen Generalschlüssel zu geben.

Auch die Forschung sagt nicht: Je mehr Offenheit, desto besser.

Die Mannheimer Psychologin Sabine Scholl erläutert im Gespräch mit Psychologie Heute, dass das Zeigen von Schwierigkeiten, Zweifeln oder Schwächen Nähe und Vertrautheit fördern kann. Gleichzeitig bleibt Verletzlichkeit mit Unsicherheit verbunden – schließlich wissen wir vorher nicht vollständig, wie unser Gegenüber reagieren wird.

Psychologie Heute – Wenn wir zu unseren Schwächen stehen, entsteht Nähe

Es geht also nicht darum, möglichst verletzlich zu werden.

Die Philosophin Barbara Schmitz vertritt in einem weiteren Gespräch mit Psychologie Heute einen Gedanken, der hier gut passt: Nicht mehr Verletzbarkeit sei das Ziel, sondern ein anderer Umgang mit einer Verletzbarkeit, die ohnehin zum menschlichen Leben gehört.

Das gefällt mir.

Denn damit wird Verletzlichkeit nicht zur nächsten Aufgabe auf unserer persönlichen Entwicklungs-To-do-Liste.

Montag Sport.
Dienstag Journaling.
Mittwoch Grenzen setzen.
Donnerstag vulnerabel sein.
Freitag erschöpft vom persönlichen Wachstum.

Bitte nicht.

Psychologie Heute – Warum sollen wir verletzbarer werden?

Und was machen wir jetzt mit diesem Hangover?

Zunächst einmal müssen wir nicht sofort wieder die Rüstung anziehen.

Nach einem offenen Gespräch möchte unser Kopf gerne ziemlich schnell ein Urteil fällen.

Zu viel.

Zu emotional.

Zu ehrlich.

Nur ist unmittelbar nach einem mutigen Moment womöglich nicht der beste Zeitpunkt für die interne Qualitätskontrolle.

Auch dazu gibt es passende Forschung aus Mannheim.

In vier weiteren Studien untersuchten Anna Bruk, Sabine Scholl und Herbert Bless die Rolle von Selbstmitgefühl. Ein stärkeres Selbstmitgefühl hing dabei mit einer geringeren Tendenz zusammen, die eigene Verletzlichkeit negativer zu beurteilen als die Verletzlichkeit anderer.

Oder weniger wissenschaftlich:

Wir dürfen mit unserem eigenen Beautiful Mess ein bisschen weniger streng sein.

Das bedeutet nicht, dass wir uns nach jedem mutigen Schritt einreden müssen, alles sei großartig gewesen.

Wir können stattdessen kurz die Perspektive wechseln:

Was würde ich denken, wenn ein Mensch, den ich mag, genau das getan hätte?

Würde ich wirklich denken:

Meine Güte. Wie peinlich.

Oder eher:

Okay. Das hat ihn Überwindung gekostet.

Interessant, wie unterschiedlich wir manchmal messen.

→ Zur Originalstudie: Self-Compassion and Vulnerability
Bruk, Scholl & Bless – Originalstudie

Vielleicht musst du gar nicht zurück

Und ja, dieses Vielleicht darf bleiben.

Es gibt natürlich Situationen, in denen wir hinterher feststellen:

Das war mir tatsächlich zu viel.

Oder:

Bei diesem Menschen möchte ich beim nächsten Mal vorsichtiger sein.

Auch das ist erlaubt.

Die Konsequenz daraus muss aber nicht heißen:

Nie wieder Rüstung aus.

Sie kann auch heißen:

Ich darf genauer entscheiden, wann, wie weit und bei wem.

Denn zwischen komplett gepanzert und komplett schutzlos liegt ziemlich viel Leben.

Da gibt es vorsichtiges Vertrauen.

Ein kleines bisschen mehr Ehrlichkeit als gestern.

Eine Grenze, die ausgesprochen wird.

Eine Frage, obwohl wir die Antwort nicht kennen.

Einen Satz, den wir nicht vorher fünfmal perfektionieren.

Und manchmal eben dieses leicht flattrige Gefühl danach.

Was nach dem Mut kommt

Wir reden viel darüber, mutig zu sein.

Weniger darüber, wie sich Mut danach anfühlen kann.

Mut fühlt sich nämlich nicht zwingend souverän an.

Manchmal fühlt er sich einfach an wie:

Kann ich das zurücknehmen?

Und dann sitzen wir da und würden am liebsten kurz zurückspulen.

Wir müssen aber nicht sofort entscheiden, ob dieser Moment richtig oder falsch war.

Wir können ihn erst einmal stehen lassen.

Schauen, was tatsächlich passiert – statt ausschließlich darauf zu hören, was unser Kopf befürchtet.

Und ein bisschen freundlicher mit dem Menschen umgehen, der da gerade etwas gewagt hat.

Mit uns selbst.

Denn das unsichere Gefühl danach ist nicht automatisch der Beweis, dass wir zu viel gezeigt haben.

Vielleicht war es einfach das ungewohnte Gefühl, für einen Moment nichts zwischen uns und der Welt gehabt zu haben.

ZWISCHENREIZ.

Über Menschen. Muster. Und das Dazwischen.

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